„Die Welt“ vom 24. Mai 2004, von Deborah Knür
Generation Gold
Hanseatische Lebensart: Im Gespräch mit Nana und Katrin Hellwege, Hamburger Goldschmiedinnen
Manchmal kommt sie sich wie eine Exotin vor. Dass eine als Juristin noch einmal eine Lehre anfängt, kommt wohl nicht so häufig vor. Und als Tochter in das Unternehmen der eigenen Mutter einzusteigen, ist mindestens genau so ungewöhnlich. Zumindest sorgt die kreative Kooperation von Mutter und Tochter immer wieder für Erstaunen. Katrin Hellwege nimmt es gelassen. Das Staunen und auch sonst fast alles, was es so an Widrigkeiten geben mag. Die Abschlussprüfung steht noch aus, dann ist die 37-Jährige, was ihre Mutter schon seit 23 Jahren ist: eine Goldschmiedin, die die hanseatische Gesellschaft schmückt. "Die Golf-Prüfung zur Platzreife war aufregender", sagt sie und schmunzelt. Gelassenheit ist auch das, was ihren Schmuck ausmacht.
Dabei war ihr Weg alles andere als vorgezeichnet. "Ich bin ein Kopfmensch", sagt Katrin Hellwege von sich selbst. Und entschied sich für das Jura-Studium. Etwas Handfestes, nichts Künstlerisches, obwohl die Hamburgerin auch ein Faible für die Welt der Opern hat. Der Gesangsunterricht durfte bis heute nur ein Hobby bleiben.
Urheberrecht habe sie eigentlich interessiert, erinnert sie sich und ist fast selbst erstaunt. Nach dem Studium fing sie bei Niessing als Justiziarin an. Ein Zufall, der Entscheidungshilfe war. Wenn schon in der Schmuckbranche, warum dann nicht doch im eigenen Haus. Zumal das ein durchaus etabliertes war. Mutter Nana Hellwege, die sich einst in Blankenese als Frau in der Männerdomäne einen Namen erarbeitete, macht seit 1981 Schmuck für einen illustren Kundenkreis. Der schätzt die Handschrift, die trotz aller Vielfalt stets zu Aha-Effekten führt. Wenn zwei Damen sich gegenseitig auf die Ringe gucken und wissen, sie haben dieselbe Quelle.
1999 ist die Tochter bei der Mutter eingestiegen. Generationenkonflikte kennt das kreative Duo nicht. Im Gegenteil. Das zweite Geschäft im Elbe-Einkaufszentrum haben die Hellweges inzwischen geschlossen und sich gemeinsam auf das Stilwerk konzentriert. Auf das Wesentliche, wie die Mutter zu gern sagt.
Den Schmuck also, den die Tochter jetzt vermehrt auch selbst entwirft und fertigt. Wie den Ring, den sie kürzlich erst der Mutter schenkte. Was sonst bisher eher anders herum der Fall gewesen ist. Die Harmonie ist ungewöhnlich und vielleicht die zweite Eigenschaft, die sich außer in Arbeit und Leben auch im Schmuck widerspiegelt. Beide nehmen das durchaus nicht selbstverständlich, weil sie wissen, dass es allzu oft ganz anders ist. "Es ist schon komisch", sinniert die Tochter, "da redet man den ganzen Tag zumeist über die Arbeit und den Schmuck, und abends telefoniert man manchmal trotzdem noch, weil man doch noch etwas vergessen hat." Dabei hat die Eigenständigkeit bei beiden trotzdem einen hohen Stellenwert. Nur zum Golfen hat die Tochter die Mutter mitgeschleppt. Ein Team wie aus dem Familien-Bilderbuch. Nicht nur, weil beide klein und zierlich sind, dass sich die Durchschnittsfrau neben ihnen wie eine Übergröße fühlt.
Und Katrin Hellwege hat geschafft, was auch nicht selbstverständlich ist: ihren eigenen Stil auch in der Vielseitigkeit zu entwickeln und trotzdem die Handschrift bewahrt. "Man will doch stolz sein, wenn man sagt: Das ist Hellwege", sagt sie und lacht. Wäre doch schön, wenn die Marktfrau auch ihr zuraunt, was die Mutter schon des öfteren hörte: "Der war doch von Ihnen, der Ring, den die Dame gerade trug?".
Das Erfolgsrezept ist simpel: eigene Wege gehen. "Wir gehen nicht auf große Messen", sagt Nana Hellwege. "Mir anzugucken, was andere machen, macht meinen Blickwinkel eher eng", ergänzt die Tochter. An Ideenmangel leiden sie alle beide nicht. "Früher hatte ich Angst, dass mir die Ideen ausgehen könnten", gesteht auch Katrin. "Kenne ich", bestätigt die Mutter mit wissendem Blick. Aber heute sei eher das Gegenteil der Fall: "Manchmal denke ich, warum der Tag nur so wenig Stunden hat, wo wir doch so viele andere Dinge umsetzen könnten", sagt Nana Hellwege. Jede Idee habe zehn Kinder, sagt sie immer.
Und jede hat außerdem auch einen Namen oder steht unter einem Motto, was die poetische Ader erkennen lässt. "Herzklopfen" hat Katrin Hellwege Anhänger und Ketten genannt und eine Miniatur-Geschichte dazu geschrieben, die beschreibt, was ihr Herz-Schmuck verkörpert, ohne auch nur im Ansatz kitschig zu sein: Sehnsucht.
"Kindertage" heißt ein anderer Entwurf, der alles ist, nur keine nostalgische Erinnerung an die Vergangenheit. "Das hat viel mehr mit Experimentieren zu tun", sagt Katrin Hellwege. Die Ringe entstanden, weil sie mit Edelmetall probierte, was Kinder schon mit weichem Wachs versuchen. Das Ergebnis: Kein Ring gleicht dem anderen. Was übrigens bei beiden Motto ist. "Wir wollen keine reproduzierbaren Dinge herstellen", sagt Nana Hellwege sehr bestimmt. Weshalb sie sich auch mal unkonventionelle Wege gönnt wie die Mokkalöffel mit Süßwasserzuchtperlen. "Man geht auch manchmal neben der Spur, aber das ist gut für die Seele", sagt sie und lächelt.
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