„Der Hamburger“, Herbst 2011, von Andrea von Treuenfeld

Nana Hellwege + Katrin Hellwege

Draußen wuselt's. An den herausgestellten Tischen in der Fußgängerzone sitzt buntes Volk, geht, kommt, redet. Drinnen herrscht trotz Stuckdecke klare Strenge. An den Wänden dunkelgraue Betonvitrinen, keineswegs klobig, eher elegant. Für Nana Hellwege ist es nach Läden in Blankenese und an der Elbchaussee, im Elbe Einkaufs Zentrum und im Stilwerk der siebte Ort, an dem sie sich eingerichtet hat. Das Ambiente der Colonnaden ist die perfekte Peripherie für ihren Schmuck. Seit 2008 ist sie hier oder – korrekter – sind sie hier: Wenn auch das Label den Namen der gebürtigen Bremerin trägt, inzwischen ist als zweite Geschäftsführerin und natürlich auch als zweite Goldschmiedin ihre Tochter Katrin Hellwege mit eingestiegen. Eigentlich ist die gelernte Juristin und hat als solche auch gearbeitet für die Schmuckmanufaktur Niessing, bot sich ja an für jemanden wie sie, deren Mutter sich in Sachen Schmuck schon 1981 selbständig gemacht hatte. „Berufstätige Mutter in Blankenese – das war damals überhaupt nicht selbstverständlich“, erinnert sich Nana Hellwege an die spitzen Kommentare anderer Mütter auf den wenig witzigen Elternabenden, an denen sie sich Abfälligkeiten über „diese sich selbst verwirklichenden Frauen“ anhören musste. Sie selbst stammt aus einer klassischen Akademikerfamilie, in der man ganz andere berufliche Dinge von ihr erwartete und ihre Schmuck-Ambitionen erst einmal belächelte. Als sie dann aber mit Nachdruck sagte „Ich will!“, war es schwierig eine Lehrstelle zu finden. Goldschmiede wurden nur Männer, nicht Mädchen. Sie hat es trotzdem durchgezogen und ihren Traum Realität werden lassen. Und als die Zeit der Meisterprüfung nahte, gab es schon zwei Töchter, die jüngere ist heute Grundschullehrerin, und einen Ehemann, der das Ganze erst skeptisch, dann bewundernd mitverfolgte. „Sieht man ja gern, wenn die eigene Frau so etwas Schönes macht“, beschreibt Nana Hellwege seine einstige Einstellung. Was sich daraus entwickeln würde, hat er natürlich nicht geahnt. Er war im kaufmännischen Bereich und erledigte für seine Frau „viel Hintergrundarbeit, war wie eine graue Eminenz.“ Dafür ist sie ihm heute noch dankbar. Irgendwann waren es nämlich zwei Geschäfte gleichzeitig, in denen sie nicht nur ihre eigenen Kreationen anbot, sondern auch präsent sein wollte. Die Lösung war super einfach und trotzdem „ein großer Knalleffekt“: Tochter Katrin eben, die damit vom Angestelltendasein in die Unternehmensführung wechselte und folgerichtig noch eine Goldschmiede-Lehre bei ihrer Mutter absolvierte. „Das war“, sagt Nana Hellwege rückblickend, „Schwarzbrot trocken für sie – und ging auch nicht immer gut.“ Die Tochter sieht's entspannter, kein Rückschritt war das für sie, sondern nur konsequent. Die Ergänzung jedenfalls ist perfekt, der Linie ist der Zuwachs gut bekommen. Groß und aussagekräftig mögen sie es beide, die Mutter hat schon immer kantige, kräftige Formen favorisiert, die Tochter, obwohl der strengere Typ, schätzt das weichere Design. Aber es vermischt sich auch, weil fast alle Entwürfe gemeinsam besprochen werden. Gemeinsam können sie übrigens auch ausflippen: immer dann, wenn neue Steine aus Idar-Oberstein oder auch aus Indien ankommen. Den Anstoß für ein neu zu entwerfendes Schmuckstück jedoch geben sie in den seltensten Fällen, da würde sich das Kreativ-Duo fremdbestimmt fühlen. Nein, man beschließt, dass dieser Ring oder jene Kette in der Kollektion fehlt und erst dann wird überlegt, welcher Stein passt. Aber natürlich läuft beiden Frauen auch mal ein Stein über den Weg, der die Begehrlichkeit des Besitzens weckt. Dieses Dilemma ist schnell gelost durch einen Blick auf den Bankauszug und die Frage: Brauche ich ihn wirklich? Trotzdem ist es ausschließlich der Schmuck aus der eigenen Werkstatt, der zum Tragen kommt. Früher, als Katrin noch Schülerin war, kam sie oft ins Geschäft, entdeckte ein Schmuckstück und erklärte: „Gefällt mir. Nehme ich. Danke.“ Welche Überraschung, als ihre Mutter tatsächlich einmal „ja“ sagte. Es waren Ohrringe, lang, sie trägt sie gar nicht mehr. Aufgehoben hat sie sie trotzdem. Und vor ein paar Monaten wiederholte sich dieser Moment – dieses Mal allerdings war es die Mutter, die auf der Werkbank der Tochter den Prototyp eines Ohrrings sah und total begeistert sagte: „Den möchte ich auch haben!“ Zum nächsten Geburtstag schenkte Katrin Hellwege diese goldenen bitte einsetzen ihrer Geschäftspartnerin in deren Eigenschaft als Mutter. Um den Kopf frei zu haben für Neues, braucht es manchmal den Ortswechsel oder – wie Katrin Hellwege es formuliert – ein Stück Entrücktheit. Dann zieht sie sich für ein paar Tage in eine Werkstatt in einem kleinen Schweizer Bergdorf zurück und experimentiert. Ein Schmuckstück muss zum Objekt werden, muss für sich stehen können – dann ist es gelungen. Deshalb schielt man im Hause Hellwege nicht auf andere, sondern prägt die ganz eigene Handschrift. Und die ist so charakteristisch, dass auf einem Flug nach New York eine Passagierin ihre Nachbarin fragte, ob deren Schmuck von Nana Hellwege sei. Es stimmte, aber die Kundin bejahte es nur äußerst ungern – wer gibt schon gern die Quelle seiner Individualität preis?


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